Wenn Sie ein neues Hörgerät erhalten – sei es Ihr erstes oder ein Nachfolgemodell – kann es eine Weile dauern, bis Sie sich daran gewöhnt haben. Dies kann sowohl aufregend als auch herausfordernd sein.
Um Ihnen den Übergang zu erleichtern, haben wir eine Liste mit hilfreichen Tipps und Übungen zusammengestellt, damit Sie sich schnell und problemlos an Ihr neues Hörgerät gewöhnen können.
Unsere Tipps für eine schnelle Gewöhnungsphase
Nehmen Sie sich Zeit für die Eingewöhnung
Planen Sie eine Phase ein, in der Sie sich an die neuen Klänge und die Funktionsweise des Hörgeräts gewöhnen können.
Vermeiden Sie sofortige Anpassungen
Ändern Sie die Einstellungen Ihres Hörgeräts nicht direkt nach dem ersten Eindruck im Fachgeschäft. Ihr Hörgerät wurde individuell auf Ihr Hörvermögen abgestimmt, um Ihnen das bestmögliche Sprachverstehen zu ermöglichen. Änderungen an der Lautstärke oder an bestimmten Frequenzen könnten Ihr Hörverständnis negativ beeinflussen.
Steigern Sie die Schwierigkeit langsam
Ihr erster Eindruck in der ruhigen Hörkabine kann trügerisch sein. In Ihrer gewohnten Umgebung könnten die Geräusche anfangs überwältigend wirken – selbst bei vermeintlich ruhigen Geräuschen wie dem Rascheln von Blättern oder den eigenen Schritten. Vermeiden Sie zu Beginn laute und überfüllte Orte, um sich nicht zu überfordern. Mit der Zeit können Sie sich an diese Geräusche gewöhnen, indem Sie die Herausforderung schrittweise erhöhen.
Tragen Sie Ihr Hörgerät regelmäßig
Ja, anfangs werden viele Geräusche ungewöhnlich und laut erscheinen, etwa das Klappern von Tellern oder das Knistern Ihrer Kleidung. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen – durch regelmäßiges Tragen (nur zum Duschen, Schwimmen, Reinigen und Schlafen herausnehmen) wird Ihr Gehirn lernen, diese Geräusche zu filtern und einzuordnen.
Reduzieren Sie die Lautstärke (aber nur wenn nötig!)
Falls die Geräusche zu anstrengend sind, kann es hilfreich sein, die Lautstärke zunächst etwas zu verringern. Ihr Hauptziel sollte sein, Ihre Hörgeräte so lange wie möglich zu tragen. Besprechen Sie dies mit Ihrem Hörakustiker, um einen schrittweisen Plan zur Lautstärkenerhöhung zu erstellen. Beachten Sie jedoch, dass dies den Anpassungsprozess verlängern könnte.
Notieren Sie Ihre Eindrücke
Schreiben Sie alles auf, was Ihnen beim Hören auffällt – sei es ungewöhnlich oder besonders. Nutzen Sie diese Notizen bei Ihrem nächsten Termin, damit der Hörakustiker gezielt Anpassungen vornehmen kann. Zudem können Sie so Ihre Fortschritte besser verfolgen – vielleicht klingen Ihre Schritte anfangs laut, aber nach einer Woche werden sie weniger störend.
Informieren Sie Familie und Freunde
Teilen Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden mit, dass Sie sich an Ihr neues Hörgerät gewöhnen. Ermutigen Sie sie, Ihnen Feedback zu Ihrem Sprachverständnis und Ihrer Hörfähigkeit zu geben. Die Unterstützung Ihrer Lieben kann den Anpassungsprozess erheblich erleichtern
Holen Sie sich Unterstützung von anderen Hörgeräteträgern
Der Austausch mit anderen, die ebenfalls Hörgeräte tragen, kann enorm hilfreich sein. Besuchen Sie lokale Selbsthilfegruppen, die Sie z. B. auf schwerhoerigen-netz.de oder www.hoerbehindertenselbsthilfe.de finden. Auch Online-Foren wie das Schwerhörigenforum oder Reddit (vorwiegend auf Englisch), bieten eine großartige Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen und Fragen zu stellen.
Wie lange dauert die Gewöhnungsphase?
Wie lange es dauert, sich an neue Hörgeräte zu gewöhnen, ist von Person zu Person unterschiedlich.
Viele Nutzer bemerken bereits nach ein bis zwei Wochen erste Verbesserungen – zum Beispiel ein klareres Sprachverstehen oder weniger Höranstrengung in ruhigen Situationen. Bis sich das neue Hörgefühl jedoch vollständig natürlich anfühlt, können mehrere Wochen bis hin zu einigen Monaten vergehen.
Gerade beim ersten Hörgerät benötigt das Gehirn Zeit, um sich wieder an Geräusche zu gewöhnen, die zuvor lange nicht oder nur eingeschränkt wahrgenommen wurden. Alltagsgeräusche wie Schritte, Rascheln oder Geschirrklappern wirken anfangs oft ungewohnt oder zu laut. Mit regelmäßigem Tragen lernen Gehirn und Gehör jedoch Schritt für Schritt, wichtige von unwichtigen Geräuschen zu unterscheiden.
Wenn Sie nach einigen Wochen das Gefühl haben, noch keine spürbare Verbesserung wahrzunehmen, sollten Sie unbedingt Kontakt zu Ihrem Hörakustiker aufnehmen. Häufig liegt der Grund nicht am Hörgerät selbst, sondern daran, dass die Einstellungen noch nicht optimal an Ihr individuelles Hörbedürfnis angepasst sind. Während der Probephase ist es völlig normal, dass Hörgeräte mehrmals nachjustiert werden müssen.
Mit Geduld, regelmäßigem Tragen und einer guten Zusammenarbeit mit Ihrem Hörakustiker lassen sich in den meisten Fällen deutliche Verbesserungen im Alltag erzielen.
Hörtraining: Lernen Sie Ihr neues Hörgerät kennen
Mit diesen kleinen Übungen möchten wir Sie dabei unterstützen, sich besser an Ihr neues Hörgefühl zu gewöhnen. Führen Sie täglich eine Aufgabe durch – die Reihenfolge können Sie dabei nach Belieben anpassen.
Machen Sie sich Notizen zu den Geräuschen und Ihren Eindrücken: Was klingt anders oder zu laut? Bringen Sie Ihre Notizen zum nächsten Termin mit, damit Sie diese gemeinsam mit Ihrem Hörakustiker besprechen können.
1. Text laut vorlesen
Lesen Sie einen Text laut vor, vielleicht diesen Artikel. Wie klingt Ihre Stimme? Ist sie lauter oder anders als gewohnt?
2. Die raschelnde Zeitung
Rascheln Sie mit einer Zeitung oder Zeitschrift, um die Klangveränderung zu beurteilen. Sehr wahrscheinlich wird das Rascheln „schärfer“ klingen, sollte jedoch nicht unangenehm sein.
3. Vogelgezwitscher
Gehen Sie hinaus in die Natur oder auf Ihren Balkon und achten Sie auf den Klang der Vögel. Können Sie womöglich sogar zuordnen, woher die Vogelstimmen kommen?
4. Das Vier-Augen-Gespräch
Führen Sie zuhause oder in ruhiger Umgebung ein Gespräch mit einer Person Ihrer Wahl. Eventuell verändert sich der Klang der Stimmen, was durchaus ungewohnt sein darf. Das Gespräch sollte aber weniger anstrengend zu führen sein als ohne Hörgerät.
5. Die TV-Nachrichten
Schauen Sie im Fernsehen die Nachrichten und achten Sie auf die Deutlichkeit der Stimmen der Nachrichtensprecher. Können Sie den Fernseher leiser stellen als ohne Hörgerät und verstehen Sie die Sprecher trotzdem ohne große Mühe?
6. Im Straßenverkehr
Gehen Sie raus und beurteilen Sie den Klang des Straßenverkehrs. Durch Ihre Hörgeräte wird nicht nur die Sprache lauter und deutlicher, auch Geräusche in Ihrer Umwelt, die Sie schwächer gehört haben, werden nun wieder lauter klingen als ohne Hörgerät.
7. Das Gespräch im Garten
Führen Sie eine Unterhaltung im Garten oder einem ruhigen Park und beurteilen Sie die Gesprächssituation. Aus Ihrer Umgebung werden Sie wahrscheinlich eine Vielzahl an Geräuschen stärker wahrnehmen als ohne Hörgeräte. Sie sollten aber trotzdem ohne viel Mühe der Unterhaltung folgen können.
8. Das Telefonat
Rufen Sie jemanden an und beurteilen Sie das Telefongespräch. Das Telefon an die richtige Stelle neben Ihrem Hörgerät zu halten, kann etwas Übung erfordern. Sobald die richtige Position gefunden ist, sollte ein Telefongespräch einfach zu führen sein.
9. Der Fernsehabend
Schauen Sie eine Fernsehsendung und beurteilen Sie den Klang. Bei Nachrichtensendungen kann man sich leicht auf die Sprache konzentrieren, in Spielfilmen dagegen lenkt die Musikuntermalung und Geräuschkulisse leicht vom gesprochenen Wort ab. Sie sollten den Fernseher trotzdem leiser stellen können und in der Lage sein, dem Geschehen ohne große Mühe zu folgen.
10. Der öffentliche Platz
Besuchen Sie einen Markt, eine Fußgängerzone oder einfach einen Parkplatz und beurteilen Sie den Klang Ihrer Umwelt. Diese komplexe Umgebung wird sicherlich lauter klingen als ohne Hörgeräte. Versuchen Sie, einzelne Geräusche zu fokussieren: Achten Sie bewusst auf Motorgeräusche im Hintergrund, Gespräche anderer Personen, Schritte auf dem Boden, oder Blätterrascheln der Bäume. Es ist wichtig, alle Geräusche mit Hörgerät wieder neu kennenzulernen, um Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
11. Die Lieblingsmusik
Hören Sie Musik die Sie mögen und beurteilen den Klang. Legen Sie eine CD ein, spielen Sie ein Lied auf Ihrem Handy ab, schauen Sie eine Musiksendung im TV oder gönnen Sie sich ein Konzert. Die Musik wird sich wahrscheinlich anders als gewohnt anhören – sie sollte klarer und voluminöser klingen. Für Bonus-Punkte: Verbinden Sie Ihr Hörgerät mit dem Handy und genießen Sie den Sound direkt darüber.
12. Im Supermarkt
Beurteilen Sie die Gesprächssituation mit einer Kassiererin oder einem anderen Kunden in einem Supermarkt. Die Stimmen, aber auch die Geräusche in Ihrer Umgebung, werden durch die neuen Hörgeräte wieder lauter und womöglich etwas „schärfer“ klingen. Sie sollten den Gesprächen ohne viel Mühe folgen können.
13. Das gemeinsame Essen/Restaurant
Unterhalten Sie sich mit Ihren Tischnachbarn z. B. in einem Restaurant oder daheim und beurteilen Sie die Gesprächssituation. Ein Gespräch in geräuschvoller Umgebung kann eine Herausforderung sein. Dennoch sollten Sie dem Gespräch wieder deutlich besser folgen können.
Tipp: Schauen Sie Ihren Gesprächspartner an, das Mundbild kann eine gute Unterstützung sein.
14. Der Vortrag
Beurteilen Sie Ihr Sprachverstehen während eines Vortrages. Besuchen Sie eine Veranstaltung mit Präsentation, eine Kirche oder ein Theaterstück, um zu beobachten, ob Sie den Vortragenden ohne große Anstrengung folgen können.
Zum Ausdrucken
Hörsituationen im Alltag
Zur Unterstützung Ihrer Hörgeräte-Anpassung haben wir die Hörtraining-Checkliste aus diesem Artikel als druckbares Dokument für Sie zusammengestellt.
So können Sie Ihre Erfahrungen, Notizen und Kommentare festhalten und gezielt mit Ihrem Hörakustiker besprechen.
Für Gerland-Kunden ist diese Checkliste bereits in der Beratungsbroschüre enthalten.





